Gürtelrose-Impfung ab 60: Warum sie unterschätzt wird
Die meisten Menschen über 60 in Deutschland sind nicht gegen Gürtelrose geimpft, obwohl die Impfung seit 2019 Kassenleistung ist. Das liegt selten an einer Entscheidung dagegen – meist war das Thema einfach nie auf dem Tisch. Und fast niemand weiß, dass die Empfehlung für eine große Gruppe schon Jahrzehnte früher gilt.
Gürtelrose gilt gemeinhin als unangenehme Hautsache: ein Ausschlag, ein paar Wochen Schmerzen, dann vorbei. Diese Vorstellung ist der Grund, warum die Impfung so oft liegen bleibt. Sie beschreibt nämlich den günstigen Verlauf.
Was die Erkrankung gefährlich macht, ist nicht der Ausschlag, sondern was danach bleiben kann: ein brennender, einschießender Nervenschmerz, der Monate bis Jahre anhält, schlecht auf übliche Schmerzmittel anspricht und den Schlaf, die Stimmung und den Alltag zerlegen kann. Bei bis zu einem Drittel der Betroffenen über 60 tritt er auf.
In unserer Praxis am Kopernikusplatz sprechen wir die Impfung deshalb aktiv an, statt zu warten, bis jemand danach fragt.
Gürtelrose ist keine Ansteckung, sondern eine Rückkehr
Wer als Kind Windpocken hatte, hat die Erkrankung nie ganz hinter sich gelassen. Das Varizella-Zoster-Virus verschwindet nicht, sondern zieht sich in die Nervenknoten entlang der Wirbelsäule zurück und bleibt dort ein Leben lang. Es wird vom Immunsystem in Schach gehalten, nicht beseitigt.
Lässt diese Kontrolle nach – durch das Alter, durch eine Erkrankung, durch Medikamente, manchmal durch eine Phase massiver Belastung –, wandert das Virus den Nerv entlang zurück zur Haut. Daraus entsteht der typische einseitige, gürtelförmige Ausschlag mit Bläschen, der genau dem Versorgungsgebiet eines Nervs folgt und an der Mittellinie des Körpers aufhört.
Das erklärt zwei Dinge, die regelmäßig für Verwirrung sorgen. Man bekommt Gürtelrose nicht von jemandem, der Gürtelrose hat – man bekommt sie von sich selbst. Und man kann sie mehrfach bekommen, denn eine durchgemachte Gürtelrose schützt nicht vor der nächsten.
Das eigentliche Problem heißt Post-Zoster-Neuralgie
Der Ausschlag heilt in der Regel innerhalb von zwei bis vier Wochen ab. Bei einem Teil der Betroffenen bleibt der Schmerz. Die Nervenfasern, durch die das Virus gewandert ist, sind geschädigt und senden weiter Schmerzsignale, obwohl die Haut längst wieder intakt ist.
Dieser Zustand heißt Post-Zoster-Neuralgie. Er fühlt sich an wie Brennen, Stechen oder elektrische Schläge, oft schon bei leichter Berührung – ein Hemdkragen, die Bettdecke. Übliche Schmerzmittel helfen meist wenig, weil es kein Entzündungsschmerz ist, sondern ein Nervenschmerz; behandelt wird er mit Medikamenten, die eigentlich aus der Epilepsie- und Depressionstherapie stammen, und auch das wirkt nicht bei jedem.
Das Risiko steigt deutlich mit dem Alter. Genau deshalb beginnt die Standardempfehlung bei 60 und nicht bei 70: Der Schaden, den man verhindern will, entsteht in dem Jahrzehnt davor.
Wie gut die Impfung wirkt
Der heute verwendete Impfstoff ist ein Totimpfstoff aus einem einzelnen Oberflächeneiweiß des Virus, kombiniert mit einem Wirkverstärker (Robert Koch-Institut, Stand 06.11.2025). Er enthält kein vermehrungsfähiges Virus.
Die Zulassungsstudien sind ungewöhnlich eindeutig. In der Untersuchung an über 15.000 Menschen ab 50 Jahren traten 97,2 % weniger Gürtelrose-Erkrankungen auf als unter Scheinimpfung (Lal et al., 2015). In der parallelen Studie an knapp 14.000 Menschen ab 70 Jahren – Durchschnittsalter 75,6 Jahre – lag die Wirksamkeit bei 89,8 % (Cunningham et al., 2016). Dass der Schutz auch im hohen Alter so stabil bleibt, ist bei Impfstoffen keineswegs selbstverständlich; die meisten verlieren dort deutlich an Wirkung.
Zur Haltbarkeit des Schutzes sagt das Robert Koch-Institut: bei Menschen mit normalem Immunsystem eine gute Wirksamkeit über mindestens zehn Jahre nach den beiden Impfungen. Eine Auffrischung ist derzeit nicht vorgesehen – nicht, weil man weiß, dass sie unnötig ist, sondern weil dazu noch keine Daten vorliegen. Das wird laufend neu bewertet.
Wer die Impfung bekommt – und ab wann
Hier liegt der Punkt, der in der öffentlichen Wahrnehmung fehlt. Es gibt zwei Empfehlungen, nicht eine.
| Gruppe | Ab welchem Alter | Kosten |
|---|---|---|
| Alle – Standardimpfung | ab 60 Jahren | Kassenleistung |
| Menschen mit erhöhtem Risiko – Indikationsimpfung | ab 18 Jahren | Kassenleistung |
Die zweite Zeile ist die, von der kaum jemand weiß. Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Impfung ausdrücklich schon ab 18 Jahren für Menschen mit angeborener oder erworbener Immunschwäche und für Menschen mit schweren Ausprägungen chronischer Grunderkrankungen. Konkret genannt werden unter anderem:
- Rheumatoide Arthritis und systemischer Lupus erythematodes
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
- Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) oder Asthma bronchiale
- Chronische Niereninsuffizienz
- Diabetes mellitus
- HIV-Infektion
- Krebserkrankungen und Zustand nach Chemotherapie
- Nach Stammzell- oder Organtransplantation
- Unter immunsuppressiven Medikamenten, etwa Rituximab oder JAK-Inhibitoren
Dazu gehört eine Einschränkung, die die STIKO selbst macht und die wir weitergeben, weil sie ehrlich ist: Wer zwischen 18 und 59 ist und eine leichte oder medikamentös gut eingestellte chronische Erkrankung hat, hat kein deutlich erhöhtes Risiko und ist von der Empfehlung ausdrücklich ausgenommen. Entscheidend ist also nicht die Diagnose an sich, sondern wie gut sie kontrolliert ist.
Das ist auch der einzige Punkt, an dem Laborwerte in dieses Thema hineinspielen – nicht für die Impfung selbst, sondern für die Frage, ob Sie zu dieser Gruppe gehören. Ein Diabetes mit einem HbA1c von 6,4 % ist etwas anderes als einer mit 9,1 %. Diese Einordnung treffen wir im Gespräch, nicht Sie allein anhand einer Liste.
Wie die Impfung abläuft
Es sind zwei Impfungen nötig, im Abstand von zwei bis sechs Monaten. Dieser Abstand sollte eingehalten werden; wird die zweite Dosis zu früh gegeben, kann die Schutzdauer kürzer ausfallen. Wird sie zu spät gegeben, muss nicht neu begonnen werden – die Serie wird einfach vervollständigt.
Geimpft wird in den Oberarmmuskel. Beide Termine dauern wenige Minuten und lassen sich mit anderen Impfungen kombinieren, etwa mit der Grippeimpfung im Herbst – dann üblicherweise in verschiedene Arme.
Ein Punkt, den wir vorher ansprechen, weil er sonst überrascht: Dieser Impfstoff macht spürbare Impfreaktionen. Schmerzen und Schwellung am Arm sind die Regel, dazu kommen häufig Müdigkeit, Muskel- und Kopfschmerzen, manchmal leichtes Fieber oder Schüttelfrost. Das hält in der Regel ein bis zwei Tage an und ist ein Zeichen dafür, dass der Wirkverstärker tut, was er soll. Es ist unangenehm und harmlos. Wer am nächsten Tag etwas Wichtiges vorhat, legt den Termin besser auf einen Freitag.
Was Sie dafür nicht brauchen
Diese Liste ist uns genauso wichtig wie die Empfehlung selbst.
Keinen Bluttest. Es wird vorher kein Antikörperstatus bestimmt und kein Titer kontrolliert. Das ist weder vorgesehen noch sinnvoll.
Keine Erinnerung an die Windpocken. Über 95 Prozent der in Deutschland aufgewachsenen Erwachsenen tragen das Virus in sich, auch wenn sie sich an keine Erkrankung erinnern – viele Windpocken verlaufen im Kindesalter unauffällig. Die Empfehlung gilt unabhängig davon.
Keine Rücksicht auf eine frühere Windpocken-Impfung. Auch Impfviren können sich später reaktivieren, wenn auch seltener. Die Empfehlung gilt auch für Geimpfte.
Keinen Abstand nach durchgemachter Gürtelrose. Wer bereits eine Gürtelrose hatte, kann und soll trotzdem geimpft werden – sie schützt nicht vor einer erneuten Episode.
Und eine Entwarnung in die andere Richtung: Den früher verwendeten Lebendimpfstoff gibt es in Deutschland nicht mehr. Er wurde wegen begrenzter Wirksamkeit und kurzer Schutzdauer von der STIKO auch nicht empfohlen. Wenn Sie vor Jahren einmal davon gehört haben und seither skeptisch sind – das war ein anderes Produkt.
Warum sie trotzdem so selten gemacht wird
Die Impfung ist seit 2018 zugelassen, seit 2019 Kassenleistung, die Studienlage ist klar. Trotzdem ist der Großteil der über 60-Jährigen ungeimpft. Dafür gibt es drei nachvollziehbare Gründe.
Es gibt keinen Anlass. Bei der Grippeimpfung erinnert die Jahreszeit, bei Tetanus der Impfpass. Die Gürtelrose-Impfung hat keinen solchen Auslöser – sie wird fällig, weil man ein bestimmtes Alter erreicht hat, und das meldet niemand.
Der Name führt in die Irre. „Gürtelrose“ klingt nach Hautproblem. Hieße die Erkrankung nach ihrer gefürchtetsten Folge, wäre die Dringlichkeit sofort klar.
Die Indikationsgruppe wird nicht angesprochen. Dass die Empfehlung ab 18 gilt, wenn eine ernsthafte chronische Erkrankung vorliegt, ist selbst vielen Betroffenen unbekannt – und die Betroffenen rechnen bei sich selbst nicht damit, weil sie das Thema im Kopf unter „ab 60″ abgelegt haben.
Wann Sie uns darauf ansprechen sollten
- Sie sind 60 oder älter und nicht gegen Gürtelrose geimpft.
- Sie sind jünger und haben Diabetes, COPD, Asthma, eine chronische Nierenerkrankung, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung oder eine rheumatische Erkrankung.
- Sie nehmen dauerhaft Medikamente, die das Immunsystem dämpfen.
- Eine Behandlung steht bevor, die das Immunsystem schwächen wird – dann wird möglichst vorher geimpft.
- Sie hatten bereits eine Gürtelrose und wollen eine zweite verhindern.
- Sie haben die erste Dosis vor mehr als sechs Monaten bekommen und die zweite nie.
Der nächste Schritt
Für die Impfung brauchen Sie keine Überweisung und keine Voruntersuchung. Alles Weitere – Ablauf, beide Termine, Kostenübernahme – steht auf der Seite zur Impfung selbst. Wir klären vorab, ob die Standard- oder die Indikationsempfehlung für Sie gilt.
Wenn Sie etwas anderes beschäftigt
| Das erkennen Sie bei sich | Das ist der passende Schritt |
|---|---|
| Sie wissen gar nicht, welche Impfungen bei Ihnen fehlen – der Impfpass ist unvollständig oder verschollen | Vorsorge & Impfungen – wir gehen den Impfstatus einmal vollständig durch |
| Es ist Herbst und die Grippeimpfung steht ohnehin an | Grippeimpfung – beides ist im selben Termin möglich |
| Sie sind über 60 und fragen sich, was sonst noch regelmäßig kontrolliert gehört | Check-up ab 35 – die gesetzliche Vorsorge, alle drei Jahre |
Häufige Fragen
Sehr wahrscheinlich ja. Über 95 Prozent der in Deutschland aufgewachsenen Erwachsenen tragen das Virus in sich; viele Windpocken verlaufen im Kindesalter so mild, dass niemand sie bemerkt. Die Empfehlung gilt unabhängig davon, ob Sie sich an eine Erkrankung erinnern.
Nein. Eine durchgemachte Gürtelrose schützt nicht vor einer weiteren. Das Virus bleibt in den Nervenknoten und kann erneut reaktivieren. Die Impfung ist deshalb gerade nach einer Episode sinnvoll.
Ja. Eine verspätete zweite Dosis wird einfach nachgeholt, die Serie beginnt nicht von vorn. Umgekehrt gilt: zu früh ist ungünstig – unter zwei Monaten Abstand kann die Schutzdauer leiden.
Für alle ab 60 Jahren ja, als Standardimpfung. Für Menschen ab 18 mit den genannten Grunderkrankungen oder einer Immunschwäche ebenfalls. Wir prüfen vor der Impfung, welche der beiden Empfehlungen auf Sie zutrifft.
Dieser Impfstoff macht erfahrungsgemäß deutlichere Reaktionen als etwa die Grippeimpfung: Armschmerz, Müdigkeit, Glieder- und Kopfschmerzen, gelegentlich Fieber, meist über ein bis zwei Tage. Das ist unangenehm, aber harmlos und geht von selbst zurück. Planen Sie den Termin so, dass der Folgetag ruhig ist.
Quellen
- Robert Koch-Institut: Schutzimpfung gegen Herpes zoster (Gürtelrose) – Impfempfehlung. Antworten auf häufig gestellte Fragen. Stand 06.11.2025 bzw. 29.01.2026.
- Ständige Impfkommission: Empfehlungen der STIKO beim Robert Koch-Institut. Epidemiologisches Bulletin 50/2018 und 34/2018.
- Lal, H., Cunningham, A. L., Godeaux, O., et al. (2015). Efficacy of an adjuvanted herpes zoster subunit vaccine in older adults. New England Journal of Medicine, 372(22), 2087–2096. doi:10.1056/NEJMoa1501184
- Cunningham, A. L., Lal, H., Kovac, M., et al. (2016). Efficacy of the herpes zoster subunit vaccine in adults 70 years of age or older. New England Journal of Medicine, 375(11), 1019–1032. doi:10.1056/NEJMoa1603800
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Schutzimpfungs-Richtlinie, Aufnahme der Herpes-zoster-Impfung als Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenversicherung, 2019.
✓Yuliya Belyavskaya
Fachärztin für Allgemeinmedizin · Praxis am Kopernikusplatz, Nürnberg
Diesen Beitrag habe ich fachlich geprüft und freigegeben. Die Angaben folgen den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission und dem Stand der aufgeführten Quellen. Was sich in den Empfehlungen ändert, ändern wir auch hier – wir sehen unsere Beiträge regelmäßig durch.
Stand: 2. Oktober 2026 · Mehr über die Praxis

