RSV-Impfung: Für wen sie seit Kurzem empfohlen wird
RSV-Impfung: Für wen sie seit Kurzem empfohlen wird
Das Robert Koch-Institut hat für die Wintersaison 2025/26 in Deutschland 421 Todesfälle mit RSV-Infektion erfasst. 95 Prozent davon betrafen Menschen ab 60 Jahren. Gegen dieses Virus gibt es seit 2023 eine Impfung, seit September 2024 ist sie für die empfohlenen Gruppen Kassenleistung – und sie wird nur einmal gegeben, nicht jedes Jahr.
RSV gilt als Säuglingskrankheit. Das ist historisch gewachsen und medizinisch nur halb richtig. Richtig ist: In der vergangenen Saison entfielen 38 Prozent der gemeldeten Fälle auf Säuglinge und Kleinkinder. Übersehen wird der zweite Gipfel – 34 Prozent der gemeldeten Fälle betrafen Menschen ab 60 Jahren, und bei den Krankenhausaufenthalten und Todesfällen dominiert diese Altersgruppe deutlich (RKI, 2026).
Dazu kommt ein zweiter Punkt, der im Alltag mehr wiegt als jede Statistik: Die Grippeimpfung kennt jeder. Sie wird jeden Herbst beworben, erinnert, nachgefragt. Die RSV-Impfung existiert erst seit zwei Impfsaisons in der Empfehlung und hat keinen festen Platz im Jahreslauf. Für Deutschland gibt es bislang keine veröffentlichte Impfquote; eine internationale Übersichtsarbeit beziffert die Quote in den USA für die Saison 2023/24 auf 18 Prozent der über 60-Jährigen (Trusinska et al., 2026). Es gibt also eine wirksame, bezahlte Impfung, die den meisten, für die sie gedacht ist, nie angeboten wurde.
In unserer Praxis am Kopernikusplatz prüfen wir das bei jedem Impftermin und bei jedem Check-up mit: ob Sie zu der Gruppe gehören, für die die Impfung empfohlen ist – und ob Sie sie schon haben.
Was RSV bei Erwachsenen tatsächlich anrichtet
Bei jungen Erwachsenen verläuft eine RSV-Infektion wie eine Erkältung: Schnupfen, Husten, Halsschmerzen, nach einer Woche vorbei. Mit steigendem Alter und bei chronischen Herz- oder Lungenerkrankungen kann das Virus die unteren Atemwege befallen. Dann entstehen Bronchitis und Lungenentzündung, oder eine bestehende COPD oder Herzschwäche entgleist – weil ein ohnehin knapp kompensierter Kreislauf die zusätzliche Last nicht trägt. Eine ursächliche Therapie gegen RSV gibt es nicht. Behandelt werden Sauerstoffmangel, Atemnot und Begleitinfektionen.
Die Zahlen des RKI für die Saison 2025/26 zeigen, wie das aussieht, wenn es schiefgeht: 67.716 labordiagnostisch bestätigte Fälle wurden gemeldet, 20.234 davon mit Krankenhausaufenthalt. Unter den schweren Atemwegsinfektionen im Krankenhaus-Sentinel mit RSV-Diagnose erhielt etwa jeder fünfte Patient zwischen 60 und 79 Jahren eine intensivmedizinische Behandlung. Bei den am häufigsten eingewiesenen Säuglingen und Kleinkindern war das am seltensten der Fall (RKI, 2026).
Kurz gesagt: Kinder kommen häufiger ins Krankenhaus, Ältere kommen schwerer durch.
Für wen die Impfung empfohlen ist – und für wen nicht
Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) hat zwei Stufen (RKI, Stand 10.09.2026):
Standardimpfung ab 75 Jahren. Allen Menschen ab 75 wird eine einmalige RSV-Impfung empfohlen, unabhängig davon, ob Vorerkrankungen bestehen. Bevorzugt im Spätsommer oder Herbst, vor Beginn der Saison.
Indikationsimpfung von 60 bis 74 Jahren – bei einer schweren Form einer der folgenden Grunderkrankungen oder bei Leben in einer Pflegeeinrichtung:
- chronische Erkrankungen der Atmungsorgane
- chronische Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen
- chronische neurologische und neuromuskuläre Erkrankungen
- hämato-onkologische Erkrankungen
- Diabetes mellitus mit Komplikationen
- angeborene oder erworbene Immundefizienz
Und jetzt der Teil, der in der Beratung am meisten Zeit braucht, weil er am wenigsten in Schlagzeilen passt: Leichte, unkomplizierte oder medikamentös gut kontrollierte Formen dieser Erkrankungen gelten nach derzeitigem Wissensstand nicht als erhöhtes Risiko. Eine Impfung ist in diesen Fällen nicht empfohlen (RKI, Stand 08.04.2025). Ein 66-Jähriger mit gut eingestelltem Typ-2-Diabetes ohne Organkomplikationen erfüllt die Indikation nicht. Ein 66-Jähriger mit diabetischer Nierenschädigung erfüllt sie.
Die STIKO legt ausdrücklich fest, dass die Einschätzung des Schweregrades ärztliche Aufgabe ist. Sie kann sich aus der Schwere einer einzelnen Erkrankung ergeben – oder aus der Summe mehrerer, die einzeln jeweils harmlos wirken. Eine Impfung außerhalb der Empfehlung ist nach individueller Abwägung möglich; dann klären wir die Kostenübernahme vorher.
Warum kaum jemand davon weiß
Dafür gibt es drei nachvollziehbare Gründe, und keiner davon liegt bei den Patienten oder bei den Kollegen.
Erstens war RSV bei Erwachsenen lange nicht sichtbar. Meldepflichtig ist eine RSV-Infektion in Deutschland erst seit Juli 2023. Vorher gab es keine bundesweite Zählung – und was nicht gezählt wird, taucht in keiner Risikobetrachtung auf. Bis heute gilt: Wer mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus kommt, wird nicht automatisch auf RSV getestet. Die tatsächliche Zahl liegt über der gemeldeten.
Zweitens ist die Empfehlung neu. Die STIKO hat sie im Sommer 2024 ausgesprochen, der Gemeinsame Bundesausschuss hat sie am 3. September 2024 in die Schutzimpfungs-Richtlinie aufgenommen; seit dem 27. September 2024 ist sie Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenversicherung (G-BA, 2024). Zwei Impfsaisons sind kurz. Die Impfempfehlung gegen Tetanus ist über siebzig Jahre alt.
Drittens fehlt die jährliche Erinnerung. Die RSV-Impfung ist einmalig. Genau das, was sie bequem macht, nimmt ihr den Anlass, jedes Jahr darüber zu sprechen. Der Kassenkatalog sieht keinen Einladungsbrief vor wie bei der Darmkrebsvorsorge. Wer nicht gezielt gefragt wird, erfährt es nicht.
Wie gut sie wirkt – und wie lange
Hier liegt der eigentlich interessante Teil, denn die Antwort lautet: Es hängt davon ab, wer geimpft wird und wie lange es her ist.
Eine Metaanalyse von 36 Studien mit über 121 Millionen erfassten Personen fand für Menschen ab 60 Jahren eine Wirksamkeit von 74,8 Prozent gegen RSV-bedingte Krankenhausaufnahmen und 79,8 Prozent gegen schwere Verläufe (Trusinska et al., 2026). Die STIKO gibt für die proteinbasierten Impfstoffe eine Risikoreduktion von etwa 75 Prozent für Erkrankungen der unteren Atemwege an und bewertet den mRNA-Impfstoff mit 84 Prozent als vergleichbar.
Und jetzt dieselbe Impfung in zwei verschiedenen Konstellationen. Eine Untersuchung der US-Gesundheitsbehörde CDC an 6.958 im Krankenhaus behandelten Erwachsenen ab 60 Jahren über zwei Saisons (Surie et al., 2025):
| Gruppe | Schutz vor RSV-Krankenhausaufenthalt |
|---|---|
| Geimpft in derselben Saison | 69 % |
| Geimpft in der Saison davor | 48 % |
| Ohne Immunschwäche | 67 % |
| Mit Immunschwäche | 30 % (statistisch nicht gesichert) |
| Ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung | 80 % |
| Mit Herz-Kreislauf-Erkrankung | 56 % |
Eine zweite Arbeit an 288.111 geimpften US-Veteranen mit einem Durchschnittsalter von 76 Jahren zeigt denselben Verlauf über die Zeit: Der Schutz vor einer Krankenhausaufnahme lag im ersten Monat bei 88,9 Prozent und über 18 Monate gerechnet bei 57,3 Prozent. Bei Immunsupprimierten fiel der Schutz vor einer nachgewiesenen Infektion von 75,2 auf 39,7 Prozent (Bajema et al., 2026).
Was folgt daraus praktisch? Dass eine einzige Zahl die Frage, wie gut das wirkt, nicht beantwortet. Der Schutz ist im ersten Winter am größten, bleibt im zweiten vorhanden und ist bei geschwächtem Immunsystem geringer – bei genau denen also, die ihn am dringendsten bräuchten. Ob und wann eine Auffrischung sinnvoll ist, lässt sich mit den heutigen Daten nicht beantworten; die STIKO sagt das offen und wird die Empfehlung anpassen, wenn sich die Datenlage ändert. Wir informieren unsere Patientinnen und Patienten, wenn das passiert.
Drei Impfstoffe, keine Rangfolge
In Deutschland stehen zwei proteinbasierte Impfstoffe (Arexvy, Abrysvo) und ein mRNA-Impfstoff (mResvia) zur Verfügung. Die STIKO hat den mRNA-Impfstoff in ihre Empfehlung aufgenommen und spricht keine Präferenz aus – die drei gelten als gleichwertig (RKI, Stand 10.09.2026). Die Auswahl richtet sich nach Verfügbarkeit und danach, was im selben Termin sonst noch geimpft werden soll.
Üblich sind Impfreaktionen: Schmerz an der Einstichstelle, Kopf- und Gliederschmerzen, für ein bis zwei Tage. Bei den proteinbasierten Impfstoffen wurde in der US-Überwachung ein erhöhtes Auftreten des Guillain-Barré-Syndroms beobachtet, einer Nervenentzündung mit Lähmungserscheinungen. Die Metaanalyse nennt 5,2 bis 6,5 Fälle pro Million verabreichter Dosen für Arexvy und 9,0 bis 18,2 pro Million für Abrysvo; das RKI nennt eine Obergrenze von bis zu 25 Fällen pro Million und weist darauf hin, dass verlässliche Risikoschätzungen bislang fehlen. Ein Signal für eine Immunthrombozytopenie wurde erfasst, ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht bestätigt. Beim mRNA-Impfstoff ist eine vorübergehende Gesichtsnervenlähmung als seltene Nebenwirkung beschrieben, die in der Zulassungsstudie allerdings in der Impf- und der Placebogruppe ähnlich häufig auftrat.
Ein Termin, mehrere Impfungen: was zusammen geht
Das ist der Grund, warum sich der Herbsttermin lohnt. Die RSV-Impfstoffe können gleichzeitig mit der saisonalen Grippeimpfung und mit einem COVID-19-mRNA-Impfstoff gegeben werden. Arexvy darf zusätzlich zusammen mit einem Pneumokokken-Konjugatimpfstoff oder dem Gürtelrose-Totimpfstoff verabreicht werden.
Zwei Einschränkungen: Zwischen Abrysvo und einer Tetanus-Diphtherie-Keuchhusten-Impfung werden mindestens zwei Wochen Abstand empfohlen, weil die Immunantwort auf die Keuchhusten-Komponente bei gleichzeitiger Gabe niedriger ausfiel. Und für Kombinationen mit anderen als den genannten Impfungen fehlen schlicht die Studien – deshalb, und nur deshalb, gelten dort 14 Tage Abstand (RKI, Stand 10.09.2026).
Was wir in der Praxis konkret machen
Wir entscheiden die Indikation, statt sie abzufragen. Bei den 60- bis 74-Jährigen hängt alles an der Frage, ob eine Grunderkrankung schwer ist. Das steht in keinem Formular. Wir haben Lungenfunktionsprüfung, EKG, Langzeit-Blutdruckmessung und Ultraschall im Haus und sehen die Laborwerte. Wenn die Einordnung unklar ist, messen wir, statt zu schätzen.
Wir sehen den Impfpass ganz durch. Wer wegen RSV kommt, hat oft auch bei Tetanus, Keuchhusten, Pneumokokken oder Gürtelrose eine Lücke. Findet der Termin im Rahmen eines Check-ups statt, gehen wir den Pass vollständig durch und ergänzen, was fehlt – welche Auffrischungen Erwachsene am häufigsten vergessen, steht in unserem Beitrag Impfstatus prüfen.
Wir legen den Termin auf den Herbst und kombinieren. Ein Termin, zwei Arme, zwei Impfungen – RSV einmalig, Grippe jährlich. Wann der beste Zeitpunkt für die Grippeimpfung ist, haben wir hier beschrieben.
Wann Sie damit zu uns kommen sollten
Konkret in diesen Situationen:
- Sie sind 75 oder älter und wissen nicht, ob Sie die Impfung haben.
- Sie sind zwischen 60 und 74 und haben COPD, Asthma, eine Herzschwäche, eine chronische Nierenerkrankung, eine neurologische Erkrankung, eine Blut- oder Krebserkrankung, einen Diabetes mit Organbeteiligung oder ein geschwächtes Immunsystem.
- Sie leben in einer Pflegeeinrichtung oder betreuen jemanden, der dort lebt.
- Sie hatten im letzten Winter einen Atemwegsinfekt, der Sie ungewöhnlich lange außer Gefecht gesetzt hat.
Und der umgekehrte Fall, der genauso dazugehört: Wenn Sie 64 sind, gesund, ohne relevante Vorerkrankung, dann ist die RSV-Impfung für Sie derzeit nicht empfohlen, und wir sagen Ihnen das auch.
RSV-Impfung in Nürnberg
Auf unserer Seite zur RSV-Impfung finden Sie den Ablauf, die Dauer, die Nebenwirkungen und die Kostenübernahme – und können den Termin direkt dort buchen. Im selben Termin klären wir, ob die Impfung für Sie empfohlen ist.
Wenn Sie nicht sicher sind, welcher Weg zu Ihnen passt:
| Das trifft auf Sie zu | Das ist der passende Schritt |
|---|---|
| 75 oder älter, Impfstatus unklar | RSV-Impfung – Kassenleistung, Impfpass mitbringen |
| 60 bis 74 mit chronischer Erkrankung | RSV-Impfung – wir prüfen die Indikation im Termin |
| Grippe und RSV in einem Termin | Grippeimpfung – beides zusammen möglich |
| Impfpass unvollständig oder verschollen | Vorsorge & Impfungen – Impfstatus komplett prüfen |
| Unklar, ob Lunge oder Herz belastet sind | Spezialleistungen – Lungenfunktion, EKG, Ultraschall |
| Sie wollen den gesamten Gesundheitszustand in einem Termin erfassen | 360°-Check-Up, 1.099 € – 39 Marker, Ultraschall, Lungenfunktion, Ruhe- und Langzeit-EKG, Langzeit-Blutdruck, ca. 2,5 Stunden |
Wer unsicher ist, bucht den Impftermin. Die Einordnung machen wir dort gemeinsam – sie kostet nichts und dauert zehn Minuten.


